Atheisten und Gläubige sollten zusammen halten

Gelegentlich lese ich Bücher von Atheisten. Wenn die Atheisten gut schreiben, fassen sie die Schattenseiten der Religion klar zusammen. Die geistige Enge, oder die zu einfachen Weltbilder. Aber wenn die Atheisten übertreiben, merke ich wieder, was gut ist an Religion und Glauben.

In den Tagen nach Weihnachten habe ich von Philip Blom „Böse Philosophen“ gelesen. Darauf gestossen bin ich, weil mir „Der taumelnde Kontinent“ so gefallen hat. Das Buch handelt von Denis Diderot, Baron Thiry d’Holbach und anderen Aufklärern, die weniger populär waren als Voltaire oder Rousseau. Unter anderem, weil sie radikale Atheisten waren. Was im Frankreich des 18. Jahrhunderts lebensgefährlich war und verheimlicht werden musste. Erzählerisch sind seine Bücher ein Genuss.

Ein Satz hat mich aber zu diesem Text angeregt. Philip Blom schreibt dort: „Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass Religion die Funktion hat, die Welt zu erklären und der Gesellschaft Regeln zu geben, dass sie aber an Ersterem scheitern muss und für Letzteres entbehrlich ist.“ (S. 73)

Diesem Satz muss ich doppelt widersprechen. Auffallend ist am Menschen, dass er sich dauernd NICHT an Regeln hält und dass er jeden Sch… glaubt, nur nicht das Gute und Vernünftige. Judentum und Christentum, der Islam, der Buddhismus und andere Religionen kämpfen damit seit 2500 Jahren. Die Wissenschaft untersucht es m.M. seit 50 Jahren. Das ist ein Fünfzigstel der Zeit, die die Religionen aufgewendet haben! Ein Fünfzigstel !! Die Religion schadet der Erziehung und bietet im Leid nur begrenzt Trost? Mag sein. Aber erst seit 20 Jahren gibt es so etwas wie Notfall-Psychologie, von gesicherten Aussagen über Erziehung ganz zu schweigen. Ist anscheinend nicht so einfach mit dem Menschen…

Ich finde, viele wissenschaftliche und atheistische Schreiberlinge haben ein naives Menschenbild. Liegt wahrscheinlich an ihren gesicherten Schreibtischexistenzen. Ich weiss, ich klinge gereizt, aber immer wieder kommen sie damit, dass man den Menschen nur vernünftiges Wissen und vernünftige Regeln geben müsse, dann werde er sich -befreit von Religion – wie ein vernünftiges Wesen benehmen und sich an die Regeln halten. Das ist falsch. Menschen halten sich dauernd NICHT an Regeln. Oft verweigern sie jede Vernunft. Zum Beispiel bei Impfungen oder bei Verschwörungstheorien.

Menschen folgen … ihrem Glauben. Sie folgen ihrem inneren Weltbild, ihrem Menschenbild, inneren Bildern und Werten. Dort drin sind auch die Ansprüche, die Ziele, Sehnsüchte und Hoffnungen. Und die Mittel, die man für erlaubt hält. Dieser Glaube zeigt, was noch nicht ist, aber werden soll. Und wie man glaubt(!), mit der Welt zurecht zu kommen.

Aber eben. Was prägt diesen „Glauben“? Das Weltbild? In den letzten Jahren immer mehr das Internet. Und was verbreitet sich dort am schnellsten? Lügen und Dummheit.

Wer sich damit beschäftigt, was Menschen glauben, wird bestätigt finden, was der Psychologe Daniel Kahneman herausgefunden hat: Disbelieving is hard work. Falsche Ansichten zu ändern, ist verdammt harte Arbeit. Auch sich selber zu ändern ist harte Arbeit. Man braucht gute Gewohnheiten. Charles Duhigg – Die Macht der Gewohnheit. Denn Menschen sind geborene Lügner und oft stinkfaul.

Deshalb möchte ich Atheisten vor dem Irrtum bewahren, sie seien die grössten Probleme los, wenn sie die Religionen los sind. Die grössten Probleme der Menschheit sind Lügen, Faulheit und Unwissen. Das zu ändern braucht die Kraft, sich zu hinterfragen, gute Gewohnheiten und Strukturen, sowie die Bereitschaft zu lernen. Eine grosse Portion Protestantismus macht das möglich!

Der einzige Atheist, der m.W. in den letzten Jahren auch positive Seiten an Religionen gesehen hat, war Alain de Botton in Religion for Atheists.

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