Bonhoeffer und Berlin Teil 2

Berlin. In den zwanziger und dreissiger Jahren eine Stadt von mehreren Millionen Einwohnern und allem, was eine Stadt dieser Grösse an Schönem und Wüstem zu bieten hat. Dieses Berlin kommt in der Bonhoeffer-Literatur fast nicht vor. Das bringt mich ins Grübeln. Da tauchen bei mir Fragen auf: In welchem Masse kannte Bonhoeffer die sozialen Verhältnisse, das Elend und die dunklen Seiten von Berlin? Die Gewalt, die Drogen, die Prostitution, die Armut und den Suff? Den Fanatismus und die politischen Strömungen? Wie sah seine Familie diese Probleme? Nach dem Krieg hatten sie auch kaum Essen, aber die Inflation war für sie wegen der amerikanischen Patienten des Vaters kein Thema… Gab es Freunde, die den Verlockungen nicht widerstehen konnten? Und er selber? Wieso schrieb der Theologe nie darüber? Hat er das alles unter „Sünde“ zusammengefasst? Hat man in seiner Umgebung letztlich gefunden, die Menschen seien an ihrem Elend grösstenteils selber schuld? Das kann eigentlich nicht sein. Denn den Rassismus gegenüber den Afroamerikanern hat er während seiner Zeit am Union College in New York sehr wohl gesehen.

Ich habe viel von Bonhoeffer gelernt. Über die Kirche, den Staat und christliche Ethik. Aber auf seine Herkunft und seine Familie war ich neidisch. Auf so vielen Gebieten schien er ein sorgloses Leben gehabt zu haben, wo ich gelitten habe.

Meine Familie … hatte und hat schwere Schäden. Darauf reagieren 9 von 10 Kirchenleuten völlig hilflos. Bonhoeffer hat gesehen, wo das Problem der Kirche liegt. Er hat es in seinem Buch „Nachfolge“ beschrieben. Er warnt auf der ersten Seite davor, an eine Gnade und Liebe Gottes zu glauben, mit der alles beim Alten bleiben kann. Diese Gnade, bei der alles beim Alten bleibt, nennt er „billige Gnade“. Er findet die „billige Gnade“ gefährlich. Ich finde das auch. Der, dem es gut geht, hat eine bequeme Ausrede. Und der, dem es nicht gut geht, bleibt mit seinen Wunden allein. Bonhoeffer hat die „Nachfolge“ theologisch formuliert, für viele Fälle gültig und abstrakt. Anders gesagt – die „Nachfolge“ ist eine Diagnose, aber keine Therapie.

Hilfe habe ich bei Menschen gefunden, deren Stil ich nachahmen wollte, denen ich nachfolgen wollte. Im sichtbaren Alltag. Bei Zeit, Geld, Gegenständen, Beziehungen, Essen, Sexualität und Gesundheit. Ein paar waren Christen. Dann auch ein Jude, Muslime, Buddhisten, ein Taoist und ein paar Agnostiker. Handwerker und Akademiker.

Meine Herkunft gab mir einen Lebensstil. Den Lebensstil kann ich als Erwachsener ändern. Seit ich das gelernt habe, bin ich weniger neidisch. Das ist schön und sehr schwer. Denn die grosse Mehrheit der Kirchenleute rund um mich herum will alles, nur keine Veränderung. Alles, nur nicht an sich arbeiten. Alles, nur nicht dazu lernen müssen. Alles, nur keine Verantwortung übernehmen. Alles, nur kein gutes Beispiel geben müssen. Jeder ist gut so, wie er ist. Und jeder bleibt so, wie er ist. … wozu soll man in so einer Kirche Mitglied sein?

Ich komme zum Schluss. Bonhoeffer mag ganz, ganz wenig im Sinne heutiger Ratgeberliteratur geschrieben haben. Aber er hat gesehen und dafür gekämpft, dass Glaube mehr ein „nachfolgen“ statt nur ein „nachplappern“ ist. So hoffe ich, dass ich miterleben darf, was Bonhoeffer im Gefängnis gehofft und  zur Taufe seines Patenkindes geschrieben hat:

„Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun. Bis Du gross bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. (…) Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen -, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. „Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all dem Frieden, den ich ihnen geben will.“ (Jeremia 33,9).“

Mai 1944 aus Widerstand und Ergebung

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