Ein alter Mann sieht (nur) ein kleines Kind und findet Frieden

Ein alter Mann hat ein Leben lang auf den Erlöser gewartet. Und jetzt sieht Simeon ein Kindlein. Ein kleines Kind, das von seinen Eltern gemäss den jüdischen Regeln zum Tempel gebracht wird, um Gott für den Erstgeborenen zu ehren. Stellen sie es sich bildlich vor. Stellen sie sich Maria und Josef vor. Beide haben von Gott starke Zeichen und Zuspruch erhalten, dass mit diesem Kind grosses geschehen wird. Die Geburt und der Besuch der Hirten. Oder wer weiss, vielleicht haben sie sich nach ein wenig Ruhe gesehnt und waren sich plötzlich nicht mehr so sicher, wie es weiter gehen sollte. Da kommt in einem Vorhof des Tempels ein alter Mann auf sie zu und bittet sie, das Kind auf den Arm nehmen zu dürfen. Der alte Mann scheint Vertrauen ausgestrahlt zu haben, Maria gibt ihm jedenfalls Jesus und Josef hat auch nichts dagegen. Und der alte Mann trägt das Kind und er lobt Gott voller Vertrauen und Freud: Herr, nun kann ich in Frieden sterben, denn du hast dein Versprechen eingelöst. Mit eigenen Augen habe ich es gesehen: Du hast dein rettendes Werk begonnen, und alle Welt wird es erfahren. Allen Völkern sendest du das Licht, und dein Volk Israel bringst du zu Ehren. Simeon sieht nur ein Kind. Angesichts dieses Kindes sagt er: Ich kann in Frieden sterben.

Was tut Gott? Er schickt uns Erlösung in Form eines Kindes. Nicht als Imperator, nicht als Eroberer, nicht als Filmstar, nicht als Richter. Nein, ein Kind. Nur ein Kind. Hier ist die Geschichte, wie sie in der Bibel steht, in Lukas 2,21-34

Und als acht Tage vorüber waren und er beschnitten werden sollte, da wurde ihm der Name Jesus gegeben, der von dem Engel genannt worden war, bevor er im Mutterleib empfangen wurde. 22Und als für sie die Tage der Reinigung, die das Gesetz des Mose vorschreibt, vorüber waren, brachten sie ihn nach Jerusalem hinauf, um ihn dem Herrn zu weihen, 23wie es im Gesetz des Herrn geschrieben steht: Alles Männliche, das den Mutterschoss öffnet, soll als dem Herrn geheiligt gelten. 24Auch wollten sie ein Opfer darbringen, wie es im Gesetz des Herrn geschrieben steht: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25Und da war in Jerusalem einer mit Namen Simeon, und dieser Mann war gerecht und gottesfürchtig; er wartete auf den Trost Israels, und heiliger Geist ruhte auf ihm. 26Ihm war vom heiligen Geist geweissagt worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. 27Nun kam er, vom Geist geführt, in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um an ihm zu tun, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, 28da nahm er es auf die Arme und pries Gott und sprach:
29Nun lässt du deinen Diener gehen, Herr,
in Frieden, wie du gesagt hast,
30denn meine Augen haben das Heil gesehen,
31das du vor den Augen aller Völker bereitet hast,
32ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
33Und sein Vater und seine Mutter staunten über das, was über ihn gesagt wurde. 34Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, seiner Mutter: Dieser hier ist dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen und viele aufzurichten, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – 35ja, auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.
Wieso schickt Gott nur ein Kind? Damit drückt Gott verschiedenes aus.
Alles braucht seine Zeit. Alles hat seine Zeit des Wachstums. Auch der Erlöser kommt nicht einfach plötzlich, er ist nicht plötzlich da, er wächst und lebt mit den Menschen. So wachsen auch wir in eine Beziehung mit Gott. Gehen einen Lebensweg zur Erlösung hin. Wie ein guter Lehrer ist Gott schon zufrieden, wenn wir es nur probieren. Aber er senkt die Ansprüche nicht. Dafür ist das Ziel zu wichtig. Gott zwingt uns nicht. Was ist schwächer als ein Kind? Gott zwingt uns nicht zu sich. Gott kennt keine gewaltsamen Lösungen. Das Bild des Kindes berührt uns tief. Wir erinnern uns an die eigene Kindheit: Aus den Erinnerungen können wir Kraft schöpfen, oder es kommt etwas hoch, das wir noch verarbeiten sollten. Jemandem vergeben, oder einen Schmerz durchleben und ihn dann loslassen. Das intensive innere Bild von einem Kind bedeutet auch Neuanfang. Vielleicht wünschen wir uns einen Neuanfang, oder wir wünschen uns, nochmal Kind zu sein. Es bedeutet, jemand schaut nach uns, wir dürfen sein, ohne Leistung und Arbeit, wir dürfen sein, weil wir sind. Vielleicht müssen wir uns auf den Weg machen und nachforschen, wo wir gesunde Geborgenheit für unser Leben finden können. Das Bild des Kindes steht auch für Kreativität und Handeln. Wir wünschen uns, etwas Bleibendes zu erschaffen. Wir wollen Sinn sehen in unserem Leben, wir möchten etwas machen aus unseren Begabungen. Wir wollen das Leben weiter geben. Wir möchten, dass es einen Unterschied macht, ob wir gelebt haben oder nicht. Einem Kind sind Einkommen, Ansehen, Titel und andere Status-Sachen egal. Aber es braucht Liebe, Grenzen, Treue und Geduld. Ein Kind braucht unser Bestes.

Nach diesen Dingen und Erlebnissen sehnen wir uns. Gott möchte uns Wachstum geben, Nähe, gute Erinnerungen, Kraft, Neuanfänge, Kreativität und Sinn. Und Gott braucht unsere besten Seiten. Ich komme schon zum letzten Drittel: Ich glaube, Gott will uns vor allem Frieden und Ruhe ins Herz geben. Das geht, wenn wir vor unserem inneren Auge, dieses Kind annehmen, auf den Arm nehmen.

Wir gehen zu diesem Kind hin, und es fängt eine Saite in uns zu schwingen an, die vielleicht weh tut. Eine Art Heimweh. Das ist richtig, denn wir alle haben Heimweh nach Gott. Wenn wir dann dieses Kind in den Arm nehmen, es akzeptieren, finden wir Frieden. Wenn wir das Kind annehmen, nehmen wir auch uns selber an, mit allem, was dazu gehört. Vielleicht steckt vieles in uns, das nicht zur Pracht Gottes passt. Kummer, Leid, Bosheit, Blut, Schweiss und Tränen. – Aber zu dieser Krippe darf jeder von uns. Und Frieden finden. Das ist Weihnachten. – Noch schöner: Es bleibt nicht dabei. Das Kind wird gross. Viele Jahre später trägt es das Kreuz nach Golgatha und mit dem Kreuz alle menschlichen Versuche, Probleme mit Gewalt zu lösen. Das Kind aufersteht. Und bekommt wieder alle Pracht und Würde Gottes. Wenn wir das Kind in uns aufnehmen, nimmt es uns mit. Zum Kreuz, durch den Tod hindurch, hin zur Auferstehung. Dorthin, wo alle Tränen abgewischt werden und der Tod nicht mehr ist. – Nehmen sie vor ihrem inneren Auge dieses Kind in ihren Arm. Es ist wirklich und wahrhaftig unser Retter und Erlöser. Amen.

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