Fürchtet Euch nicht – Predigt zu Heiligabend

„Da sagte der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids. Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln gewickelt ist und in einer Futterkrippe liegt.“ (Lukas 2, 10-12)

Zuerst heisst es: Fürchtet euch nicht! „Hend e kei Angscht!“ Macht euch keine Sorgen! Dieser Zuruf gilt nicht nur den Hirten, die sich vor dem plötzlichen Licht in der Nacht fürchten. Diesen Zuruf haben wir bitter nötig. Ich glaube, die meisten Menschen machen sich immer wieder Sorgen und leben dann sozusagen in der Zukunft statt in der Gegenwart. Wer sich Sorgen macht, stellt sich Dinge vor, die noch gar nicht sind. Und die in den meisten Fällen nie eintreffen. – Es gibt diese armen Menschen, die haben für den 21. Dez den Weltuntergang gefürchtet, das Kommen eines Gottes, ein wüster Neu-Anfang. Wie anders ist da die Weihnachtsgeschichte…

„Fürchtet euch nicht“ ist ein sehr wichtiger Satz. Denn die Angst vor der Zukunft hält uns davon ab, in der Gegenwart das Richtige zu tun. Im schlimmsten Fall verursachen wir dann das, wovor wir Angst haben. Wie jemand, der aus Angst den Lastwagen auf der Gegenfahrbahn anstarrt und gerade deshalb in ihn hineinfährt. Fürchtet euch nicht. „Hend sie kei Angscht.“ Lassen Sie sich durch Angst nicht von der Gegenwart ablenken. Lassen Sie sich durch Angst nicht vom Handeln abhalten. Zugegeben, manchmal wird man die Angst nicht los. Aber dann kann man immer noch sagen, ich habe zwar Angst, ich tu nicht so, als ob ich sie nicht habe, aber ich tue trotzdem das Richtige. – Feel the fear and do it anyway.

Fürchtet Euch nicht, das heisst für mich, man bereitet sich konzentriert auf die Prüfung vor, oder irgend ein einschneidendes Erlebnis. Ein Umzug, die Heirat, eine Geburt, eine neue Schule, eine neue Arbeitsstelle. – Und dann geht die Angst.

Der Engel sagt hier weiter: „Ich verkündige Euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids.“

Das Wort für Retter wird manchmal auch übersetzt mit Heiland, derjenige der die Stücke wieder ganz macht. Heil macht. Heilt. Und was ist ein Gesalbter? Die Salbung mit Öl bedeutete die Königswürde. (Denken Sie jetzt bitte nicht an die Fettflecken, es war wirklich eine Ehre.) Und euch ist der Herr geboren worden. Das griechische Wort kyrios, das im Originaltext hier steht, ist das gleiche Wort, das in der griechischen Uebersetzung der hebräischen Bibel anstelle des Gottesnamens steht. Weil die Juden den Gottesnamen aus Respekt niemals aussprechen. Sondern wenn sie den Gottesnamen sehen, lesen sie der Herr.

Also, was kommt in diesem Satz alles zusammen? Weil der Engel gesagt hat „euch“ ist für uns der Heilende, ist unser König und Gott selber geboren worden. Unser König hat sich uns gleichgemacht, Gott hat sich uns gleichgemacht.

Leider wird kaum etwas so oft missbraucht wie Macht. Aber seit Weihnachten ist ein anderer König, ein anderer Herrscher in diese Welt gekommen. Jesus ist geboren, jetzt dürfen alle Menschen zu Gott. Hatten Sie, — nein, „Häsch du schomal s’Gfühl g’ha du segsch nöd guet gnueg für Gott?“ Das ist eine Lüge. Hat der Engel gesagt, die Hirten müssten etwas mitbringen? Hat der Engel gesagt, sie sollen abwägen, ob sich der Besuch lohne? Hat der Engel gesagt, sie müssen eine Leistungsnorm erfüllen, bevor sie zum Kripplein treten? Nein! Er hat ihnen einfach den Weg zu dieser grossen Freude genannt. Jeder Mensch darf zum Kindlein in der Krippe treten. Jeder Mensch ist gut genug, das Kindlein aufzunehmen und an sein Herz zu drücken. Jeder Mensch ist gut genug, in der Garde dieses Königs zu dienen. Er kommt ganz schwach, damit jeder Mensch merken kann: Jesus ist wirklich an mir interessiert!

Und was passiert dann? Ändern sich unsere Leben, weil wir nur das Wort aussprechen: Ich glaube an Jesus Christus? Nein, das wäre magisches Denken. Das Christkind soll uns zu einem bestimmten Handeln anregen. Was braucht ein Kind, damit es wachsen kann? Erwachsene, die zuverlässig für es da sind. Erwachsene, die wissen, was sie machen und zu dem stehen, was sie machen. Das schöne ist ja, dass uns nicht der Blitz trifft, wenn wir mal versagen. Ausreden bringen ja nichts.

Viele Männer und Frauen haben sich durch die Geburt eines Babys stark und gut verändert. Sie haben gemerkt, dass das kleine Wesen alle ihre guten Seiten braucht. Angeregt von dem kleinen Kind sind sie über sich selber hinausgewachsen.

Ja, ich weiss, dazu gehört auch die Phase, in der man ein Baby am liebsten zurück geben würde. Zum Glück spricht man heute mehr über Erfahrungen mit Babys. Aber das zu überstehen hat viele Menschen auch reifer gemacht. – So habe ich es mir jedenfalls sagen lassen.

Ich komme zum Schluss: Ich glaube, das ist der Stil Gottes. Er kommt, aber anders als erwartet. Und er will uns anregen zu verantwortlichem Leben, nicht prügeln. – Ist es nicht leichter, sich aus Liebe anzustrengen als unter Druck?

Amen

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