Lassen Sie sich das Gebet nicht nehmen!

In der letzten Woche im Oktober war ich in einer Weiterbildung im Norden von England. Ich habe noch nie soviel gelacht und noch nie soviel in einer Gruppe gebetet. Ich habe in einer Weiterbildung auch noch nie soviel Tee getrunken und Guetsli gegessen. Ich war noch nie innerhalb einer Woche in ganz armen Wohngegenden und in einer atemberaubenden Kathedrale. Allen Orten war gemeinsam, dass mit uns und für uns gebetet wurde.

Der Kurs hatte den Titel „fresh expressions of church“. Frische Ausdrucksformen von Kirche in der anglikanischen Kirche. Geleitet wurde der Kurs von einer Pfarrerin, die eine Doktorarbeit über diese fresh expressions geschrieben hat. Fresh expressions bedeutet, die anglikanische Kirche unterstützt offiziell und fein begründet alle Arten, in denen Menschen aufbrechen und die Kirche erneuern. Die Projekte sind verglichen mit der ganzen Church of England klein. Aber sie wachsen und bringen die Kirche neu zu Menschen, die schon lange gar nichts mehr von ihr wissen.

Braucht es denn Aufbruch und Erneuerung? Die anglikanische Kirche hat viele Leute verloren. Und sie hat reagiert, wie die Reformierten auch. Eigentlich leistet man ja gar nicht so schlechte Arbeit. Und vielleicht müssen wir nur ein wenig warten, vielleicht muss nur die Wirtschaftslage etwas schlechter werden und die Leute kommen wieder. Das war nicht der Fall. Und nach langer, zäher Arbeit, haben Bischöfe der anglikanischen Kirche auf ihre Pioniere gehört.

Ich lasse die sorgfältige theoretische und theologische Begründung weg, aber sie haben ihr Bild von Kirche erweitert: Kirche ist mehr als ein heiliger Raum, mit einer Pfarrperson mit einem Gottesdienst am Sonntagmorgen und einer Art von Liturgie und einer Art von Musik. Es sind viele Projekte entstanden. In vielen Gemeinden fallen Gegensätze zusammen, integrieren Menschen scheinbar Unvereinbares. Ich habe in Sheffield eine Gemeinde erlebt, die hat um 9:30 Uhr einen anglikanischen Gottesdienst, der in seiner Liturgie katholischer ist als bei uns. Grosses Kino wie in Villmergen… Und um 11 Uhr haben sie einen Gottesdienst, der freikirchlicher ist als alles, was die meisten von ihnen aushalten würden. Und auch sonst fallen in jener Gemeinde viele Gegensätze zusammen.

Ich habe in Chesterfield eine Gruppe kennengelernt, deren Alltagsgeschmack ist völlig vom Heavy-Metal bestimmt. Sie nennen sich „Orden der schwarzen Schafe“. Sie wirken ziemlich wild. Und sind aber sehr barmherzig. Und damit anziehend für viele Menschen, die aus irgendeinem Grund das Gefühl haben, nirgends dazu zu gehören.

Die Kathedrale von Liverpool bietet Platz für Anlässe mit x hunderten Personen, Musik auf allerhöchstem Niveau. Und völlig gleichberechtigt neben anglikanischer Liturgie gibt es in anderen Räumen Café-Churches sowie Platz für eine Gemeinde bestehend aus konvertierten Flüchtlingen aus dem Iran. Ich könnte noch ein paar Beispiele erzählen. Allen gemeinsam war die Hingabe, die Loyalität zueinander und zu der Leitung der anglikanischen Kirche, der englische Humor und das Gebet.

Leider sprengt es völlig den Rahmen, über den englischen Humor zu predigen. Aber der Humor macht es den Engländern leicht, über alle möglichen Sachen zu reden. Genau der Humor hält sie in der Realität, statt sich immer weiter davon zu entfernen. Und der Humor eines alten Ehepaares hat es mir leicht gemacht, mich zu verändern.

Die Weiterbildung kam für mich zu einem guten Zeitpunkt. Seit Monaten hatte ich gemerkt, dass ich immer mehr Mühe hatte, zu beten. Und jetzt sassen da diese Engländer und sprachen davon, im Gebet darauf zu hören, wie man die Arbeit für eine Kirchgemeinde am besten gestaltet. Sie sprachen davon, darauf zu hören, was Gott einem selber zu sagen hat. Was trauen wir dem Gebet zu? Was trauen wir dem Glauben zu?

Beten. Regelmässiges Beten. Und der Austausch darüber, was man gespürt hat. Freundlichen Austausch, was Gott zu einem selber sagt. Nicht das freikirchliche „Gott hat mir gesagt, Du musst…“ Beten und hören auf Gott. Beten… Ich hatte Zweifel, was das bringt. Immer, wenn mich mein armenisch-libanesischer Pfarrkollege bat, für ihn zu beten, habe ich gezweifelt. Wenn ich für meinen Schulfreund bete, der für die UNO in Jerusalem ist. Wenn ich um sichere Heimkehr bete. Immer war da die Frage: Und wenn… ich dann die Enttäuschung erlebe? Wenn ich von der Strasse nicht heimkomme? Oder meine Frau?

Und dann war dieser provozierte Flugzeugabsturz in den Pyrenäen, der Germanwingsflug. Dann war da im Sommer ein Artikel über einen Mann um die 60, der bei diesem Absturz seine Tochter, den Schwiegersohn und den 18monatigen Enkel verloren hat. Dann kamen die Bilder der Flüchtlinge. Und dann kam das Bild von dem kleinen Jungen am Strand. Anfang September. Zuerst haben die Medien das Bild nicht gezeigt, dann habe ich es mir im Internet gesucht. Und es hat mich überfahren. Da war es: Meine tiefste Angst und die grösstmöglich vorstellbare Trauer. Mein Kind zu verlieren, oder so ein Kind zu finden. Ich habe mich an die Gespräche mit Polizisten, Feuerwehrleuten und Sanitäter erinnert. Tote Kinder. Daran gewöhnt man sich nie. Niemals. Das mag gut sein. Denn Gnade uns Gott, wenn uns so ein totes Kind am Meer nicht mehr rührt. Gnade uns Gott, wenn uns so ein totes Kind am Meer nicht mehr rührt.

Ich habe auch gedacht: Wenn uns Gott nicht verlassen hat, ist er gnädig, dass er so eine Welt nicht zusammenschlägt, in der eines zartblauen Morgens ein kleiner Junge tot am Strand liegt. Und nahe daneben sein Bruder und seine Mutter. Mein Vertrauen in Gott war in dem Moment kalt und tot. Es war noch der Wille da, im Sinne Gottes zu leben. Jesus als Vorbild, ja, das war da. Aber ich habe mich entsetzlich alleine gefühlt. Bis ich in der Weiterbildung diesem Paar begegnet bin, das viele Jahre ganz unterschiedliche Arbeit in der anglikanischen Kirche gemacht hat. Aber nur weil sie davon erzählt haben, was für einen komplizierten Weg sie zurückgelegt haben, habe ich ihnen vertraut. Weil sie sich selber humorvoll verletzlich dargestellt haben, habe ich ihnen vertraut. Nach ihrem Referat war Mittagspause. Da bin ich auf die beiden zu. Was wir geredet haben, ist privat. Was wir gebetet haben, weiss der liebe Gott. Aber ich habe mich verstanden gefühlt. Ohne mich zu ärgern, bin ich durch die ganze Woche gegangen. Engländerinnen und Engländer haben für uns und mit uns Schweizer Pfarrerinnen gebetet. Alle in ihrem Stil. Völlig baff war ich, als uns ein Theologe an der Kathedrale von Liverpool empfohlen hat, an einer neuen Stelle bis zu zwei Jahre zu warten, um 2-3 Mitbeter zu finden, denen man voll vertraut, um mit ihnen zu beten. Der Mann war früher Mathematiker…

Könnte es sein, dass das Gebet vieles erst möglich macht, was wir uns wünschen? Inneren Frieden, Anderen zu vergeben, andere verstehen, freundlich aufeinander zugehen, sich verändern, geistig wachsen, dazu lernen. Jesus Christus nachfolgen. Gemeinschaft aufbauen, eingeschliffene Routinen ändern. Könnte es sein, dass das Gebet vieles erst möglich macht, was wir uns wünschen? Dass das Gebet Grundstein und Schlussstein ist. Gebet davor und danach? Wie ein Grundstein und der Schlussstein einen wunderbaren gotischen Bogen halten? Ist das Gebet Anfang und Ende und Quelle für allen inneren Frieden? Etwas, das wir sonst nirgends finden? Könnte es sein, dass alle fröhliche Kirche nur den Weg dafür zeigt, dass ein Mensch seinen Frieden mit Gott findet? Könnte es sein, dass wir nicht beten, weil wir das lieber nicht riskieren wollen? Dass wir lieber bleiben, wie wir sind? Und wenn das uns und andere zurückhält? Eine alte Dame in England, die für ihr Quartier am Rande von Liverpool eine Brockenstube und einen Mittagstisch für Obdachlose aufgebaut hat, diese alte Dame hat uns gewarnt, es sei ein Risiko, Gott zu fragen, was er von uns wolle. Es sei sehr abenteuerlich. Was hält uns vom Beten ab? Fragen Sie Gott. Wer weiss, was wir noch erleben dürfen in dieser Gemeinde.

Ich habe einen tätowierten, verwuschelten Pfarrer erlebt, der mehr aus der Freikirche kommt. Der hat für den traditionellen Teil seiner Gemeinde in Sheffield am 25. Oktober, dem St. Crispinstag eine Anspielung auf Shakespeares „Henry V.“ gemacht. Fand ich grossherzig von ihm. Und stilvoll. Ich habe einen Bischof erlebt, der festgestellt hat, dass Pfarrpersonen niemanden haben, zu dem sie gehen können, wenn sie fürchten, ihren Glauben verloren zu haben. Und der für seine Pfarrer da sein will. Ich habe junge Menschen erlebt, die sich für fünf Jahre verpflichten, aus einem eleganten Teil von Sheffield in die ärmste Ecke zu ziehen, um dort für asiatische, muslimische und Roma-Kinder ein Jugendprogramm zu machen. Ich habe einen Jugendarbeiter in Leeds erlebt, der mit Kollegen drei Mulden Taubenscheisse aus einer aufgegebenen Kirche geräumt hat. In der leergeräumten Kirche hatten sie einen Skaterpark, Konzerte, und in einer Weihnachtszeit die komplette Welt aus „Der König von Narnia“. Ist das neu und besonders? Nein, so was gibt es auch in der Schweiz.

Aber die Freude, die die Leute ausgestrahlt haben, die war besonders. Diese Freude können wir nicht spielen, wenn wir sie nicht haben. Und es ist das, was anzieht und Kräfte verleiht, mit anderen Menschen zu gestalten.

So komme ich langsam zum Schluss. Lassen sie sich das Gebet nicht nehmen. Von keinem Kummer und von keiner anderen Macht. Lassen sie sich das Gebet nicht nehmen. Wer betet, ist Mensch und lässt Gott Gott sein. Der Mensch ist Mensch und Gott ist Gott.

Wer betet, tut sich etwas Gutes. Wer betet, macht etwas ganz Gesundes. Wer betet, sieht die Welt, wie sie ist. Wer betet, gibt zu: Anfang und Ende dieser Welt sind völlig ausserhalb meines Lebens. Ausserhalb meines Verstehens. Über die Zeit vor meinem Leben und nach meinem Leben habe ich keine Macht. Der Anfang meines Lebens ist mir ohne meinen Willen gegeben worden. Und das Ende meines Lebens steht normalerweise auch nicht in meiner Hand. Wenn ich Alles verstehen will, komme ich zu keinem Ende, bin ich abgetrennt. Gebe ich zu, dass ich es nicht verstehe, lasse ich los. Ich lasse ein falsches Bild von mir und der Welt und von Gott los. Ich gebe zu, dass ich machtlos bin. Ich gebe zu, dass Gott die Macht hat, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Das ist geistig gesund, weil es die Wahrheit ist. Es ist gesund, weil es eine Realität anerkennt, die unser Leben übersteigt. So bleiben wir in Gott und Gott in uns. Und wir mit Gott in dieser Welt. Wo das Verstehen endet, blüht die Poesie. Wo das Verstehen endet, blüht die Poesie. Wo der Analytiker den Stift ablegt und die Hände faltet, darf der Dichter singen. So schliesse ich mit zwei Strophen aus dem Lied 733.

Aus der Finsternis wird Tag.
Tau fällt, um das Land zu schmücken.
Sonne steigt und Lerchenschlag,
meinen Morgen zu beglücken.
Lobgesang durchströmt die Welt.
Du hast mich ins Licht gestellt.

Langer Nächte Unheilsschritt
Muss mich nun nicht mehr erschrecken.
Um mich her das Schöpfungslied
Soll sein Echo in mir wecken.
Neue Quellen öffnen sich.
Gott, du lebst, ich lobe dich.

Amen

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