Predigt zur Geschichte von Noah

(Die Geschichte steht in 1. Mose / Genesis 6-9)

Wie kann ich diese Geschichte anschauen und verstehen? Ein Gott, der aufräumt, ist der nicht zum Fürchten? Kann ich noch Kinderbibeln empfehlen, auf denen ganz vorne eine Zeichung ist, wie hinter Noah alle Tiere aus der Arche kommen?

Ich habe mir Zeit genommen, Gedanken gesammelt, Ansichten und sie geordnet. Zuerst einmal kann man die Geschichte mit verschiedenen Augen ansehen. Der Kunstgeschichtler und Künstler wird sagen, wir sollten selbstverständlich die Geschichte kennen. Sonst werden wir viele Gemälde und Zeichnungen nicht verstehen. Oder die Aussage: „Nach mir die Sintflut.“ Es geht hin bis zu neuesten Buchtiteln. Ich habe letztens eines gelesen, das auf die Sintflut anspielt. Dataclysm. Es geht der Frage nach, ob wir bald in den Daten ersaufen, die wir von Computern sammeln lassen. – Arche, Sintflut, Noah, die Taube und der Ölzweig sind in unsere Kultur eingegangen. 

Der Historiker, der wird natürlich anzweifeln, dass das so passiert ist. Auch wenn viele Hochkulturen die Geschichte einer Flut kennen. Aber er wird die Geschichte zusammen mit dem Biologen anzweifeln, der einfach weiss, dass keine Arche Platz hätte, für alle Tierarten. Diese Spannung bietet aber Platz für Humor. Wenn sie das Internet nutzen. Geben Sie in eine Suchmaschine zum Beispiel die Begriffe Noah, Cartoon und Einhorn ein. Sehr beliebt sind Motive, auf denen Einhörner eben gerade knapp die Arche verpasst haben. Der Theologe – der kommt und grübelt. „Gott hat die Welt gut geschaffen? Anscheinend doch nicht. Kann Gott sich täuschen? Kann er schlechte Arbeit leisten? Er macht den Menschen und bereut es. Böse von Jugend an, das ist doch übertrieben. Er vernichtet den Menschen und bereut es. Was ist das für ein Gott?“ Der Theologe hängt da ein wenig. Aber mit den Augen eines Pfarrers gelesen, der Theologe und Seelsorger ist, da sind mir plötzlich noch ein paar Sachen eingefallen.

Ich glaube, wer möchte, kann sich von der Geschichte mitnehmen lassen. Die Geschichte nimmt uns ernst und sieht die Realität. Die Geschichte denkt das Problem der Menschheit zu Ende. – Sie beginnt mit der Menschheit. Die Angst vor dem Weltuntergang gehört zur Menschheit. Die Angst vor dem Tod gehört zu den Menschen. Junge Menschen fürchten sich stärker, ältere oft weniger. Die Angst vor der Welt gehört zu uns. Die Wut auf die Bosheit der Welt gehört zu den Menschen. Der Wunsch, alles Böse auszuradieren, der gehört auch zu den Menschen. Schauerlich die Versuche, wo das Böse angeblich(!) identifiziert und ausgerottet wurde. Durch Hitler, Stalin oder Mao. Vor allem – und das ist ganz schwer – zu uns allen gehört die Möglichkeit, böse zu handeln. Wir mögen es nicht. Wir möchten uns gern als gut sehen. Bei anderen sehen wir glasklar die faulen Ausreden, die Gier, die Bequemlichkeit, die üble Nachrede und den eigenen Vorteil. Manchmal auch die Gewalt. Aber bei uns selber? – Vielleicht haben wir uns schon so schlecht gefühlt, dass wir uns für Sekunden oder Minuten gewünscht haben, es möge alles kaputt gehen, es möge alles verschwinden. Ja, nicht nur die, die so böse sind, sondern auch die, die so widerlich glücklich sind. Es soll alles verschwinden… Gott soll eingreifen, aufräumen, vernichten! Und dann? Die Geschichte ist konsequent. Alle Menschen bis auf Noahs Familie kommen um’s Leben. – Ist das jetzt übertrieben? Nein, einfach konsequent. Wenn man erst mal überlegt, wer auf die Arche dürfte, und wer nicht, dann ist das nicht so einfach. Wer dürfte auf die Arche? Es dürften schwere Verbrecher sicher nicht auf die Arche? Wo ziehen wir die Grenze. Auch für bei schweren Verbrechern gäbe es ein paar Menschen, die sagen, dass er nichts dafür kann. Die Menschen um ihn herum haben ihn dazu gemacht. Er kann nichts dafür. – Könnte die ganze Menschheit diskutieren, so könnte am Ende niemand etwas dafür. Und doch ist die Welt voller Gewalt. Das Paradies verloren. – Die Geschichte ist einfach konsequent. Will man das Problem mit der Menschheit lösen, müssten bis auf ein paar Auserwählte alle dran glauben. Und dann?

Wenn alles vernichtet wäre, dann würden wir es bereuen. So wie Gott. Ich finde die Geschichte stimmig. Wir würden es bereuen. Ärzte haben Menschen befragt, die einen Selbstmordversuch überlebt haben. Leute, die in San Francisco von der GoldenGate Brücke gesprungen sind und es überlebt haben. Von 20 sagen 19 Leute: In dem Moment, in dem Du springst, weißt du die Wahrheit. Und die Wahrheit ist: Alle Menschen, die du liebst, und die dich lieben sind für immer weg. Es ist vorbei. Es ist wirklich und endgültig vorbei.

So lese ich die Geschichte und komme zum Regenbogen. Gott träumt nie wieder von Vernichtung. Ja. Lassen wir alle Träume von Vernichtung. Lassen wir den Weltuntergang. In unserem Glauben haben wir diese Geschichte schon hinter uns. Gott steht zur Erde. Er will uns treu sein. Ja, das will ich auch. Ich will dieser Erde treu sein. Ich will nicht flüchten. Nein, diese Erde ist mein Zuhause. Chesterton hat geschrieben: Diese Welt ist die Burg unserer Vorfahren mit wehender Flagge über den Zinnen. Und wenn es am schlimmsten um sie steht, sollen wir sie am wenigsten verlassen. Genau! Ich träume nicht von Ufos! Ich will nicht abgeholt werden. Ich bleibe dieser Erde treu, weil so viele Menschen so viel Schönes schaffen. Ich glaube, Gott riskiert all die Bosheit, weil wir aus der Freiheit Schönes schaffen sollen.

Und in die Erde soll man mich eines Tages legen, bis zur Auferstehung am Ende aller Zeiten. Lieber lebe ich dieses eine unersetzliche, verletzliche, chaotische Leben, als mich in Fantasien in den Weltraum zu flüchten. Und so komme ich zum Schluss mit den Versen aus der Bibel.

Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Amen

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