Was beinhaltet eine ganzheitliche Trauerbearbeitung oder Trauerbegleitung in deiner Tradition?

Die Sache ist wohl die, dass weder die Trauerbearbeitung noch die Trauerbegleitung in meiner Tradition ganzheitlich waren. 1969 sind Menschen auf dem Mond gelandet. 1989 habe ich meinen Vater verloren. Aber erst nach 2009 habe ich gelernt, wie sich die Traumatologie entwickelt hat, wie man mit Trauer umgeht, wie Kinder damit umgehen, was Trauer mit Beziehungen macht, usw. Im Grunde bin ich Pfarrer geworden, weil die Kirche meiner Kindheit mit der Krankheit meines Vaters, der Trauer meiner Mutter und der Trauer von mir und meinem Bruder total überfordert war. Es gab Freunde meines Vaters, auch Pfarrer, die uns helfen wollten. Aber niemand konnte mir zusprechen, dass ich nicht verrückt war, sondern andere Menschen das Gleiche erleben. Niemand hat mir gesagt, dass ich nicht das Opfer dieser Trauer sein muss. Später habe ich mir gesagt: »Entweder steckt in diesem christlichen Glauben noch etwas, oder ich werfe die ganze Sache über Bord.« Mag sein, dass in früheren Jahrhunderten Kräfte und Bräuche da waren, die getragen haben. Ich habe sie nicht erlebt. – Und doch habe ich viele Jahre später Gott als tröstend und heilend erlebt.

Trauerbegleitung? Das ist alles, was hilft zu leben. Alles, was hilft, den Schmerz zu durchleben und nach und nach alle vorhandenen Gefühle zu erleben. Auf Lateinisch heißt »Trost« »consolatio«, was man auch mit »Mit-Einsamkeit« übersetzen kann, vielleicht die selbstbewussteste Art der Trauerbegleitung.

Alle Fragen und Antworten aus einem Interview mit mir im Buch:
Sandy Taikyu Kuhn Shimu: „Im Angesicht des Todes – und jetzt?“, S. 148-158.
© 2012 Schirner Verlag, Darmstadt
Erhältlich im Buchhandel und im Webshop des Verlags.

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