Was erachtest du als wichtig, im Umgang mit den Hinterbliebenen?

Wichtig ist mir, ihnen Mut zu machen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Sie dürfen weinen, nicht mehr können, müde sein. Ich versuche, zu hören und zu spüren, was sie am meisten beschäftigt. Wenn die Leute von Trauer und Müdigkeit geschüttelt sind, sage ich: »Das ist die gesunde Reaktion auf ein ungesundes Ereignis.«

Aber schwierig ist folgende Erkenntnis: Niemand kann den Trauernden den Schmerz abnehmen, niemand kann für sie wieder Schritte ins Leben machen. Es ist ihre Entscheidung, ob sie nach Jahren noch sagen »Wieso musste er sterben?« oder ob sie sagen »Ja, er ist gestorben, und jetzt schaue ich, wie ich weiter lebe«. Die erste Aussage macht uns zu Opfern, hält uns in der Vergangenheit, hält uns abhängig von der Vergangenheit. Aber Abhängigkeit erzeugt Angst und Aggression. Wer handelt, wird wieder frei. Wieder selbst zu handeln kann heissen, nach vielen Jahren zum ersten Mal Blumen an einem Grab niederzulegen, dem man bis dann ausgewichen ist.

Alle Fragen und Antworten aus einem Interview mit mir im Buch:
Sandy Taikyu Kuhn Shimu: „Im Angesicht des Todes – und jetzt?“, S. 148-158.
© 2012 Schirner Verlag, Darmstadt
Erhältlich im Buchhandel und im Webshop des Verlags.

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